...und dann wird man erwachsen, ein Handschlag vom Lehrer, der Vater klopft einem stolz auf die Schulter. Man hat es geschafft, die Reifeprüfung. Vorbei ist die Jugendzeit, man ist kein Unmündiger mehr. Die ganze Welt steht einem offen. Man hat grosse Pläne, die Möglichkeiten sind unerschöpflich. Man hat das Gefühl mit allen Wassern gewaschen zu sein, und hat die Wahrheit gepachtet. Niemand kann einem noch etwas beibringen, schliesslich hat man die Schule hinter sich. Das Leben kann kommen. Man geniesst die grosse Unabhängigkeit, das Leben in der WG, weit weg von zu Hause. Man ist furchtbar originell, extravagant und natürlich unkonventionell und alternativ. Kampf dem Establishment, das gute Bürgertum verkörpert das Versagen, den Verrat an den Idealen. Die Gesellschaft ist korrupt, alles wird durchs Geld regiert. Vorbilder gibt es keine.
Die Liebe bekommt eine neue Dimension. Man kann sich ausserhalb des Elternhauses treffen, die Nacht zusammen verbringen. Ferien zusammen in Amerika und Japan, 3 Monate in Australien unterwegs. Es ist traumhaft schön. Hier möchte man ewig bleiben. Abends lange weg bleiben, zusammen zu viel trinken, die ganze Nacht durchtanzen, keiner der einem sagt, was zu tun ist.
Das Studium beginn, jetzt gehört man dazu. Man wird Jurist, Mediziner, Ingenieur. Man fragt sich zwar, weshalb man das alles lernen muss. Man will ja nicht Theoretiker werden, man will später mal innovativ sein, sicher nicht so wie die übrigen faden Gestalten enden. Der Dozent ist ein Langweiler mit seinen grauen Hosen, die auch noch zu kurz sind. Auch die Hornbrille entspricht nicht der heutigen Mode, typisch Fachtrottel. Das wird einem sicher nie passieren. Abends steigt die grosse Party, man trifft sich mit den Freunden aus dem Praktikum. Man lästert tüchtig ab, alles ist schlecht. Wenn man selber an der Macht wäre, würde man alles ganz anders machen.
Die Wochenenden verbringt man mit der Freundin, man hat ein neues Hobby gefunden, man kocht zusammen. Man kocht die Rezepte von Jamie Oliver, die gelingen immer, machen Spass, sind cool. Dazu eine gute Flasche Wein, das Betrunkensein gibt einem ein gutes Gefühl. Man lacht über die Eltern, die Cervelats panieren oder altes Brot in Eiern tränken und fritieren. Lächerlich. Kulinarisch ist man ausgeschlafen, man weiss, wo es die besten Sushi, den besten Kebap, den besten Espresso der Stadt gibt. Auch beim Wein kann man mitreden, die Chilenen kommen immer mehr auf. Besonders der Jahrgang 2003.
Die Politiker nerven. Diese grauen, fetten Herren. Dieser Blocher! Unglaublich, dass da niemand einschreitet. Die Schweiz isoliert sich immer mehr, wir sind doch keine Rassisten! Selber würde man alles besser machen, wenn man Politiker wäre, auch auf die Stimmen der Jugendlichen und der Studenten hören. Alle müssen integriert werden, das versteht sich von selbst. Man ist besonders liberal, alle Randgruppen sind einem besonders nah. Man hat auch viele schwule Freunde, immer schon gehabt.
Das Liz ist heavy, das Staatsexamen fordert, die verlangen Unmenschliches! Aber man schafft es doch und ist stolz auf die Leistung. Jetzt hat man einen Abschluss, der was gilt! Auch in Amerika ist der was wert! Vorbei ist jedoch das lustige Studentenleben, jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Die erste Stelle. Schön, wenn man endlich Geld verdient! Jetzt kann man aus der WG ausziehen, eine eigene Wohnung nehmen, mit der Freundin zusammenziehen. Die Wohnung kann man jetzt origineller einrichten, das "Billy"-Gestell aus der IKEA kann man getrost wegwerfen. Man kann sich jetzt im Interio mit Möbeln versorgen. Schön, dieses Leben!
Aber behandelt wird man von den Chefs wie ein Schüler. Man hat doch nicht 12 Jahre Schule und 6 Jahre Studium absolviert, um diese Sklavenarbeit zu verrichten! Die Chefs wissen gar nicht, was man alles leistet! Sie wollen sowieso nur abzocken, und es dem Nachwuchs schwer machen. Man muss wieder unten durch. Wenn man selber Chef wäre, würde man es viel besser machen. Der Chef ist sowieso ein Widerling, völlig altmodisch.
Privat werden Entscheidungen gefällt. Die Freundin will nicht ewig nur Freundin sein. Man kann ja nicht immer sprunghaft sein, muss sich im Leben entscheiden. Man wählt die Frau fürs Leben. Die Hochzeit, das gibt ein grosses Fest. Alle werden eingeladen, das ist der schönste Tag des Lebens. Und schon bald ist ein Kind unterwegs. Jetzt muss man schauen, wo man bleibt. Das ist jetzt ernst, man hat Verantwortung. Für ein Kind muss man sorgen, es soll es gut haben im Leben. Wie haben das die eigenen Eltern früher gemacht? Eigentlich waren die Eltern ganz o.k., sie haben einem gut erzogen, man hat eine schöne Kindheit gehabt. So will man sein eigenes Kind auch erziehen. Schön, wenn die Eltern auch zwischendurch das Kind hüten, denn die Arbeit ist anstrengend. Beruflich will man ja auch weiterkommen, das Kind soll nicht die Karriere bremsen. Ausserdem muss man ja Geld verdienen, man muss Steuern bezahlen, auch die Kinderkrippe kostet unerhört viel Geld. Dann noch die Krankenkasse, diese Halsabschneider, die 3. Säule... Zwischendurch will man sich ja auch noch etwas leisten können, schliesslich hat man studiert. Man wird von Staat abgezockt, gerade in der Phase, in der man das Geld am nötigsten hätte. Sollen sie doch die Rentner härter dran nehemn, die haben sowieso zuviel Geld.
Auch die Jungen kann man nicht mehr verstehen. Mit 10 Jahren schon ein Handy und Markenjeans! Als man selber jung war, hatte man keine solchen Dinge. Das eigene Kind soll mal nicht so verwöhnt werden....
Und spätestens da muss man begreiffen, dass es im Leben immer gleich läuft. Es spielen sich immer dieselben Mechanismen ab. Die eigene Not ist ungerecht gegenüber dem Glück der andern. Man ist selber der ärmste, man ist benachteiligt. Und wie originell und einzigartig man auch sein möchte, man ist doch nur ein kleiner Wicht in der grossen Gesellschaft. Und das Leben läuft immer gleich weiter, man macht es so, wie es auch die Eltern schon machten, auch wenn man sich vorgenommen hat, es anders zu machen. Man wird ein Teil der Gesellschaft, man wird zu einer Person, die man früher nie werden wollte. Aber man muss ja, man wird dazu gemacht. Und wenn man die "Alten" betrachtet, kann man genau sehen, wie man selber einmal enden wird.
Und auch wenn man das Gefühl hat die Wahl zu haben, hat man keine.
Wenn das Leben einer Fahrt in einem Auto mit undurchsichtiger Windschutzscheibe gliche, und man einfach drauflos fahren würde, dann würde man am Schluss beim Blick aus der Heckscheibe staunen, wie gerade man gefahren ist.
Man verhält sich so, wie es auch die andern machen, und zusammen ist man die Gesellschaft. Der Traum des Aussergewöhnlichen brennt nur auf kleiner Flamme, tief drinnen, und man sehnt sich nach Geschichten von Menschen, die ausgestiegen sind, die es anders gemacht haben, weil man selber unfähig ist auszubrechen. Man liest Bücher, Magaziner, Klatschspalten. Die Geschichten anderer sollen einem darüber trösten, dass man selber nichts gewagt hat.
Und deshalb gehe ich jetzt weg, ein neuer Start. Keine Lust auf ein vorbestimmtes Leben. Es wird ein langer und hoffentlich auch schöner Weg werden. Aber auch wenn es hart wird, und auch wenn ich scheitere, wichtig ist, dass ich es gewagt habe.